Voneinander lernen «Die Geschichte lehrt uns, dass die Menschheit aus der Geschichte nichts lernt.» Für einen Historiker und eine Geschichtslehr- person – wie ich es bin – ist das Zitat, welches u. a. auch Gandhi zugeschrieben wird, min- destens auf den ersten Blick, sehr ernüch- ternd. Aktuelle Ereignisse bestätigen diesen Satz aber – leider. Persönlich bin ich trotzdem davon über- zeugt, dass diese Aussage in ihrer Absolutheit nicht stimmt. Lernen ist sehr vielseitig und vielschichtig. Viele Menschen haben aus der Geschichte gelernt. Als Optimist engagiere ich mich weiter dafür, dass meine Schülerin- nen und Schüler aus der Geschichte etwas lernen. Doch mal grundsätzlich: Lernen Von der ersten Sekunde unseres Lebens an lernen wir. Ohne diese Fähigkeit würden wir nicht überleben. Viele Bildungsinstitute pro- pagieren nicht nur aus wirtschaftlichen Eigen- interessen das «lebenslange Lernen». In den ersten Jahren ist das ein sog. informelles Ler- nen, viel geschieht über Imitation und einiges auch über negative oder positive Erlebnisse. Im ersten Fall vermeiden wir dann die glei- chen Aktionen, wenn wir etwas gelernt ha- ben, im zweiten Fall wiederholen wir die Aktionen, weil sie positive Auswirkungen haben: Lob, gute Gefühle usw. «Wir lernen sehr viel und verlernen einiges in unserem Leben. Aber wir lernen nie aus.» ERNST FERSTL DICHTER, PHILOSOPH (*1955) Im Zusammenhang mit Schule und Aus- bildung gibt es dann verschiedene Lernfor- men, welche uns mehr oder weniger positiv beeinflussen. Ein wichtiger Faktor dabei ist aus meiner Sicht, dass man lernt (!), welcher «Lern-Typ» man ist. Also über welche Sinne man persönlich am effektivsten lernt. Das Sehen, Hören, Fühlen, Sprechen usw. Oft sind es mehrere «Kanäle», die bespielt werden sol- len/können, um wirklich gut zu lernen. Von besonderer Bedeutung ist das soziale Lernen – nicht nur in den frühesten Kinder- jahren, wie oben erwähnt, sondern auch spä- ter. Im sozialen Austausch lernen wir. Wir bekommen Einblick in Tätigkeiten, Gedanken und Wertehaltungen von unseren Mitmen- schen und entwickeln daraus auch unsere eigenen Haltungen. Denn das ist nachhaltiges Lernen – über Dinge nachdenken, sie verin- nerlichen, zu eigen machen. Dies im Unter- schied zur schnellen Abspeicherung von In- formationen im Kurzzeitgedächtnis. Doch was hat das alles mit dem Dirigieren zu tun? Voneinander (dirigieren) lernen Kann man dirigieren lernen? Welche Frage! Natürlich – in den Dirigentenkursen der Kan- tonalverbände und auch an den Musikhoch- schulen/Konservatorien oder mit einer CD vor dem Spiegel. Sie haben sofort erkannt, dass die hier aufgeführten Aussagen überspitzte Formulie- rungen sind. Das Besuchen von Kursen oder das Studium sind eine sehr wichtige Basis um die vielen Aspekte, die mit dem Dirigieren verbunden sind, zu lernen. Musiktheorie, Formenlehre, Gehörbildung, Schlagtechnik und das Partiturstudium kann man lernen. Daneben braucht es aber auch Zeit, um Er- fahrungen zu sammeln. Man kann und muss aus Fehlern, die man machen darf, ja muss, lernen. In diesem Zusammenhang ist es wert- voll, wenn man erste Erfahrungen in einer Jugendformation, idealerweise mit einem Mentor, einer Begleitung, machen kann, be- vor man erstmals als angestellter Dirigent vor einen Verein tritt. Aber auch das ist gut mög- lich. Mit Offenheit, einem vertrauensvollen Umgang und einer konstruktiven Fehlerkul- tur und Kritikfähigkeit, wird man sich in seiner Tätigkeit immer sicher fühlen und besser werden. Das gilt für viele Tätigkeiten. Wertvoll ist dabei immer auch der Aus- tausch mit Kollegen. Eventuell kann man einen regionalen «Dirigent*innen-Treff» orga- nisieren, bei dem man sich unverbindlich beispielsweise jeden zweiten Monat an einem Samstagvormittag zum Kaffee und lockeren Austausch trifft. Das kann insbesondere aber auch im Rah- men eines «Tandems» geschehen, bei welchem man sich gegenseitig zwei- bis dreimal im Jahr in einer Probe besucht und sich danach jeweils ein Feedback gibt. Das Beobachten und über maestro 41 41 C H R I STIAN MARTI diese gemachten Erkenntnisse zu diskutieren, ist ein enorm wichtiger Lernfaktor mit viel Potenzial (siehe dazu auch die Ausführungen von Theo Martin in der Atempause). «Wer zu stolz ist, Lehrling sein zu wollen, ist es nicht wert, Meister zu werden.» HERMANN FISCHER THEOLOGE (1867–1945) Angebot des BDV Der BDV greift die Idee des Lernens von an- deren auf und bietet exklusiv unseren Mit- gliedern an, dass sie die Probe eines sehr er- fahrenen Dirigenten oder einer Dirigentin besuchen können. Dieser Besuch wird für die Angemeldeten kostenlos sein. Der BDV be- zahlt den Vereinen für die Bereitschaft, ihre Probelokal zu öffnen und Gäste willkommen zu heissen, eine kleine Spesenentschädigung. Wir sind bereits in Kontakt mit verschiedenen Personen und werden Ihnen daher mit einem Brief an alle Mitglieder gegen Ende Mai kon- krete Angebote machen können. Angedacht ist, dass wir die möglichen Termine auf unse- rer Homepage publizieren. Die Interessierten müssen sich dann bei uns für diesen Termin anmelden. Die Platzzahl wird beschränkt sein, sie ist den jeweiligen Probelokalitäten der Vereine angepasst, in welchen die Proben dann stattfinden werden. Wir sind davon überzeugt, dass es eine grosse Chance ist, von diesen erfahrenen Per- sönlichkeiten zu lernen. Zu sehen, wie sie ihre Probe gestalten, wie sie kommunizieren, wel- che Schwerpunkte sie setzen. Aber wahr- scheinlich auch, zu erkennen, dass auch sie mit ähnlichen «Schwierigkeiten» arbeiten müssen, die gleichen Herausforderungen be- wältigen und Themen ansprechen müssen wie du und ich auch. Es kann auch ein wertvoller Lernprozess sein, zu sehen, dass alle «nur mit Wasser kochen». Im Idealfall rundet ein Ge- spräch mit dem Dirigenten, der Dirigentin nach der Probe den Abend ab und man kann dort noch Fragen stellen, die einen beschäfti- gen und damit voneinander lernen. Mai · Mai · Maggio 5 | 2022